Holocaustgedenktag

Holocaustgedenktag

Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen der Willi-Graf-Realschule lesen gegen das Vergessen

Holocaustgedenktag am 27. Januar 2015

»Die Kirche im Nationalsozialismus« steht auf dem Lehrplan der Klassenstufe 10. Diskutiert wird über das Reichskonkordat, die Enzyklika »Mit brennender Sorge« von Papst Pius XI, die zum offenen Kirchenkampf führte, über die Schauprozesse gegen Geistliche, die Deutschen Christen auf protestantischer Seite und den Widerstand der Bekennenden Kirche, die Judenfeindlichkeit, die in die Judenverfolgung und schließlich in die Vernichtung von 6 Millionen Juden führte. Die Schülerinnen und Schüler haben sich mit dem Schicksal der saarländischen Juden befasst und mit dem II. Vatikanischen Konzil, das auch eine Neubestimmung des Verhältnisses der Großkirche zu den Juden bringen sollte. Beeindruckend finden sie die an die Juden gerichteten Worte von Papst Johannes XXIII: »Ich bin Joseph, euer Bruder!«

Prof. Herbert Jochum ist fast zwei Jahrzehnte Mitorganisator der außergewöhnlichen Veranstaltung „Klangstele“ im Saarland zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. In vielen Begegnungen erläuterte er Zehntklässlern der Willi-Graf-Realschule das Anliegen der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes und die Idee der Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Er macht den Jugendlichen klar, dass an ein solch monströses Ereignis wie den Holocaust nicht mit etwas ästhetisch Schönem, Wohlklingenden gedacht werden kann, wo man am Ende applaudiert über die gelungenen Vorträge, Reden und Musikbeiträge. Prof. Jochum zitiert Friedrich Nietzsche: »Nur was nicht aufhört, weh zu tun, bleibt im Gedächtnis!« In der Johanniskirche ist alles auf den Kopf gestellt: Das synchrone Lesen an zwei Mikrophonen und die stündlich dazu eingespielte schrille Musik sind kaum zu ertragen in unseren Ohren – auch die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen tut weh; man kann die gelesenen Worte kaum verstehen, wie man das Morden nicht verstehen kann. Die zeitliche Dauer der Veranstaltung von 0 bis 24 Uhr sprengt den Rahmen üblicher Veranstaltungen, so wie die Barbarei der Konzentrationslager alles bisher Dagewesene übersteigt. Das Konzept für die Veranstaltung stammt vom Saarbrücker Musiker Ulrich Voss, der damit „Eine Klangstele für das Hören gegen das Aufhören“ mit Kompositionen von Luigi Nono und Arvo Pärt schaffen will. Und an diesem Lesen gegen das Vergessen beteiligen sich die Schülerinnen und Schüler der Willi-Graf-Realschule auch in diesem Jahr am Holocaustgedenktag.

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10r3 reihen sich mit der Schulleiterin in der Johanniskirche in das 24-Stunden-Lesen ein. Sie tragen Gedichte und Texte von Paul Celan, Nelly Sachs, Rose Ausländer u.v.a. wider das Vergessen an Mikrofon 1 vor und lesen gleichzeitig an Mikrofon 2 aus dem »Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945«, in dem Danuta Czech Ereignisse und Zahlen aus dem KZ zusammengetragen hat: »….In dem Transport befinden sich 35 Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren. Nach der Selektion werden 294 Männer, die die Nummern 99211 bis 99504 erhalten, sowie 105 Frauen, die die Nummern 33928 bis 34032 erhalten, als Häftlinge in das Lager eingewiesen. Die übrigen 866 Menschen, unter ihnen 95 Kinder, werden in den Gaskammern getötet…« (S.402). Nach 24 Stunden ist das Kalendarium erst zur Hälfte gelesen. 

Die Schülerinnen und Schüler blättern in den ausgelegten Büchern und suchen in den Registern der ermordeten oder sonst zu Tode gekommenen Juden nach bekannten Namen oder nach jüdischen Familien aus dem Saarland, die deportiert wurden. Sie sind betroffen, zugleich packt sie der Wille, daran mitzuwirken, dass die schrecklichen Ereignisse weitergesagt werden, damit sie niemand leugnen oder vergessen soll. Die Schülerinnen und Schüler lesen noch lange weiter, obwohl unserer »Einsatz« offiziell bereits beendet ist und die nächsten Leser bereit stehen. Lea und Mara kommen am Nachmittag wieder mit Freunden vorbei, um weiterzulesen.

Damit sich dieser faschistische Terror gegen Juden oder andere Minderheiten, gegen Kranke und Andersdenkende nicht wiederholt, nehmen die Abschlussklassen der Willi-Graf-Realschule immer wieder an Veranstaltungen teil wie etwa an Kundgebungen in der Bahnhofstraße zur Erinnerung an den Beginn bzw. das Ende der Weltkriege, die Flugblattaktion zum 70. Todestag von Willi Graf in der Europagalerie, einige haben sich bei den Kriegsgräber-Workcamps engagiert und werden auch am Camp in den Sommerferien auf Usedom dabei sein. Es waren auch Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen, die die Willi-Graf-Ausstellung im Foyer der Schule in einem Projekt erarbeitet und im Film über Willi Graf von Regisseur Dr. Boris Penth mitgewirkt haben.

Die gesamte Schulgemeinschaft bedankt sich bei den engagierten Schülerinnen und Schülern der Klasse 10r3 für ihr Engagement!

Ende März werden die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 der Willi-Graf-Realschule das Konzentrationslager in Natzweiler-Struthof in Frankreich beisichtigen.

Dr. Helene Neis

 

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